„Too much beauty“ Oberhausen 2005 (1): Filmische „Grenzüberschreitungen“ mit Laura Waddington

Von Oliver Rahayel

Menschen, deren Gesichter nicht zu erkennen sind, verstecken sich nachts hinter dichtem Gebüsch, wahrend auf dem freien Gelände grelle Taschenlampen anderer, ebenfalls gesichtsloser Gestalten mit Unterstützung eines Hubschraubers die Ebene ausleuchten. Die Flüchtlinge aus einem Auffanglager in Nordfrankreich versuchen, sich im Schutz der Dunkelheit Zugang zum Eurotunnel Richtung England zu verschaffen „Ein perverses Katz-und-Maus-Spiel“ nennt Laura Waddington diesen alltäglichen Kampf von Menschen aus den Kriegsregionen Irak und Afghanistan um einen neuen Platz zum Leben, den viele mit Verstümmelungen oder dem Tod auf den Gleisen bezahlen. Waddington bleibt auf Distanz, wie in fast allen ihren Arbeiten; Bilder und Töne verselbständigen sich und werden zum absurden Tableau. Aber ihre Voice-over-Texte drucken tiefes Mitgefühl aus „For those I met“ lautet daher auch die Widmung am Ende von „Border“. Nur einmal, als es zu einer direkten Konfrontation zwischen Ordnungsmacht und Flüchtlignen kommt, sind die Gesichter der Gegner zu erkennen und spiegeln die Aussichtslosigkeit des Kampfes beider Seiten.

Die 1970 in London geborene Filmemacherin versucht sie seit ihren frühen Arbeiten, leicht zu umgrenzende soziale Phänomene als persönliche Erfahrung greifbar zu machen – nicht aus der Sicht einer Betroffenen, sondern als scheinbar unbeteiligte Beobachterin, die nicht analytisch vorgeht, sondern die gemachten Erfahrungen mit ihrer eigenen Biografie abgleicht. Wahrend die Erzählerin in ihren Texten ihre eigene Wahrnehmung reflektiert, verfremdet die Kamera die vorgefundenen Formen, Farben und Geschwindigkeiten und personalisiert sie damit. Laura Waddington hat in Cambridge Literatur studiert, bevor sie Anfang der 1990er-Jahre nach New York umsiedelte. Schon in ihrem ersten Kurzfilm „The Visitor“ den sie dort mit 22 Jahren drehte, wird ein Mann aus der Distanz beobachtet, untersucht und bewertet, und zwar allein anhand der Gegenstände, die in seinem Hotelzimmer herumliegen und die das Stubenmädchen durchstöbert und fotografiert. Danach in „Zone“ ist das beobachtende Subjekt die Filmemacherin selbst, die bei einer Reise auf einem Kreuzer eine versteckte Kamera laufen lässt. Auch hier gibt die Stimme aus dem Off die Tonlage vor, ein Nachdenken über Sehnsucht und Verlust. Das Moment der reise als Suche nach Identität zieht sich wie ein roter Faden durch alle Arbeiten Waddingtons. Die Reiseziele sind nicht bekannt und nicht von Bedeutung, wichtig ist die Erfahrung selbst. Diese Erfahrungen werden nicht passiv gemacht, vielmehr nimmt die Filmemacherin an den Geschichten und am Leben derer teil, die sie filmt. So auch in „Cargo“ für den sie sich von einem Containerschiff von Venedig bis in den Nahen Osten mitnehmen lässt, um einige Wochen als einzige Frau unter Seeleuten zu verbringen, die zum Teil jahrelang ohne längeren Landgang auf dem Schiff leben. Auch hier hat Waddington wenige Momente aus der Reise herausgefiltert und zeitlich so weit gedehnt, dass sie fast zum Stillstand Kommen, zur Fotografie werden: auch hier berichtet die Off-Stimme von der Bitterkeit des Lebens anderer, vor dessen Hintergrund die eigenen Sorgen zusehends verblassen. Es sind nur einige Kurze Statements, oft setzt der Ton ganz aus und richtet so die Aufmerksamkeit noch mehr aufs Visuelle, oder die Bilder werden untermalt von der großartigen minimalen Musik von Simon Fisher Turner, bekannt durch seinem Soundtrack fuhr Dererk Jarman’s  „Blue“.

Traumartige Filme will Laura Waddington machen, nicht journalistische, um der üblichen medialen Darstellung - etwa der illegalen Migration - ihre Sicht der Dinge entgegenzustellen, die sich dann mehr und mehr mit der Sicht der Betroffenen decken kann. Dieses Zusammengehen fremder und eigener Sichtweisen trieb sie besonders weit in „The Lost Days“ Für dieses Projekt trat sie mit Menschen in 15 Ländern in Kontakt, vorwiegend Angehörige von Minderheiten, und bat sie, ihre Heimatstadt zu filmen. Aus dem dabei entstandenen Material u.a aus Jaffa, Lissabon, Marrakesch, Paris, Sarajevo und Taipeh schnitt sie ein fiktives Reisetagebuch, das di Eindrücke einer Frau dokumentiert, die sich von jeder neuen Stadt angezogen fühlt, diese entdeckt und sich dabei zunächst von ihrem Zuhause entfremdet. Indem Waddington die Bilder vom Fernsehbildschirm abfilmt und so weit verfremdet, dass die Städte gleichsam zu einer verschmelzen und die Bilder zu abstrakten Formen werden, spiegelt sie darin di sich ändernde Haltung der Reisenden: eigene Erinnerungen überlagern zunehmend die aktuelle Erfahrung, bis am Ende di Entscheidung zur Rückkehr steht.

Die betörende Schönheit der Bildkompositionen in Waddingtons Filmen, unterstützt von Turners hypnotischer Musik fasziniert. Aber es ist eine Schönheit die sich erst aus der tiefen gedanklichen und seelischen Auseinandersetzung mit dem gedrehten Material ergibt. Was die Wirklichkeit betrifft, wie sie den Menschen normalerweise begegnet äußert die Off-Stimme in „The Lost Days“ eine eindeutige Meinung, die zeigt, dass es Waddington, nicht allein um Gesellschaftskritik geht, sondern ganz wesentlich um das Nachdenken und um Wahrnehmung als solche „Too much beauty, impossible to film.“

Oliver Rahayel „Too much beauty“ (Oberhausen 2005 (1): Filmische „Grenzüberschreitungen” mit Laura Waddington”)  Film-Dienst, Germany, April 28, 2005